Archiv der Fantasie

*Kurzgeschichte* – Asphaltlaufsteg

Asphaltlaufsteg

Zwei braune Hühner folgten einem schwarzen. Eine Grasnarbe, ein Meter Gehsteig und die Bordsteinkante überwandten sie bis zur Straße. Ein Motoradfahrer knatterte vorbei. Nur der Kopf mit Helm drehte sich halbherzig in die Richtung der Damen. Er fuhr vorbei und das erste Huhn streckte ein Bein über die Bordsteinkante. Es streckte sich, fiel fast vornüber und setzte den ersten Fuß auf den von der Sonne aufgeheizten Asphalt. Der zweite Fuß folgte und das Huhn ging zügig voran. In schnellem, euphorischem Tempo folgten die anderen Hühner in kurzen Abständen. Die erste Fahrbahnmarkierung, eine gestrichelte Linie die das Linksabbiegen ermöglichte, erreichten sie schnell. Ein Brummen kündigte einen Kleintransporter an. Als er die Hühner sah wurde er langsamer und hupte.

Ich möchte an dieser Stelle nicht das Klischee von aufgeschreckten Hühnern heraufbeschwören. Oder vielleicht doch. Die Damen liefen zurück Richtung Bordstein, der Transporter fuhr vorbei. Ich stand die ganze Zeit über einige Meter weiter die Straße rauf auf der anderen Seite und kann nicht sagen, wie knapp die Reifen an den Hühnerbeinen entlangrollten.

Sie schienen ihr Ziel verloren zu haben, denn sie liefen mal hier und dort über die Fahrbahnmarkierungen, pickten mit den Schnäbeln gegen den schwarzen Belag. Weitere Motorrad und Mopedfahrer, ein fahrender Schrotthaufen und ein Bus führen an den Hühnern problemlos vorbei, da diese auf der Gegenfahrbahn herum liefen. Ich überlegte den Tierschutz anzurufen. Oder lieber die Stadtverwaltung? Ich stieg wieder auf meinen Roller.

Bevor ich meinen Helm aufsetzen konnte ertönte ein anhaltender Pfeifton. Panisch sah ich zur Fahrbahn. Die Schuld fuhr mir durch und durch. Hätte ich doch nicht gezögert! Kein Blut auf dem Schwarz. Keine fliegenden Federn und auch kein Fahrzeug auf der Fahrbahn. Nur drei Hühner die alle in die gleiche Richtung sahen. Dort stand – ich kann es nicht besser beschreiben als mit den Worten ein Bauer. Er schwang pfeifend seine Hand und tat, als wolle er Futter auf dem Boden verteilen. Das schwarze Huhn lief auf ihn zu, scheiterte aber an der Bordsteinkante. Hinunter hatte es sich plumpsen lassen können doch hinauf waren seine Beine nicht lang und nicht stark genug. Der Bauer hob es hoch und setzte es ins Gras neben dem Gehsteig. Die beiden braunen Hühner folgten je in kurzem Abstand. Der Bauer hob auch sie hoch und ins Gras. Er ging pfeifend die Straße entlang und es war erstaunlich, dass die Hühner im folgten. Zwar nicht wie Hunde, treu an der Beinaußenseite, aber sie folgten ihm, solange er vorgab Futter zu streuen.

Ich stieg auf meinen Roller und erinnerte mich wieder daran, dass ein paar Straßen weiter ein Haus mit Garten stand in dem Hühner und zwei Hunde lebten. Die Damen hatten lediglich ihr Leben genossen, waren ausgebrochen und hatten ihre Federn im Sonnenlicht präsentiert.

– Nach einer wahren Begebenheit –

P1050689

2 Antworten auf „*Kurzgeschichte* – Asphaltlaufsteg“

Hier kannst du einen Kommentar verfassen (:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: