Archiv der Fantasie

*Gedanken* – Krähe auf den Gleisen

Krähe auf den Gleisen

Ich stand an einem Bahnsteig, den Zug verpasst. Dieser hatte alle Menschen aufgesogen und nur mich, rennend und winkend in einigen Metern Entfernung zurückgelassen. Ich war allein.

Eine Krähe hopste vor mir von der Bahnsteigkante und landete auf einem der Gleise. Sie bewegte sich seitwärts auf einem der beiden äußeren Gleisstränge die von Holzplanken im rechten Winkel gekreuzt wurden. Sie tippelte wie ein Seiltänzer von rechts nach links, hielt manchmal inne um mit ihren Knopfaugen nach etwas zu suchen. Schließlich sprang sie nach vorne und grub mit ihrem Schnabel im Kies, mit dem die Zwischenräume von Holz zu Holz ausgefüllt waren. Ich weiß nicht ob sie etwas gefunden hat.

Ein Zwitschern hinter mir lenkte mich ab. Eine Meise war auf dem Geländer hinter mir gelandet. Sie flog wieder auf und weiter, über die Gleise um sich dort in einem Baum einen Sitzplatz zu suchen. Ich drehte mich um und eine weitere Meise flog von einem Baum auf das Geländer und dann weiter zu seinem Artgenossen. Ich sah wieder nach der Krähe, aber sie war verschwunden.

Die ersten Menschen liefen vom Bahnhofshaus auf den Steg. Der Zug fuhr ein. Menschen stiegen ein und verschwanden vom Bahnsteig. Ich verschwand mit ihnen.

11 Antworten auf „*Gedanken* – Krähe auf den Gleisen“

  1. Tja, da hattest du zwei Freunde gefunden, die auch den Zug verpassten – den Zug nach Süden. Und jetzt finden sie hier kaum Futter. Dich aber frisst die nächste Bahn. Hochpoetisch und aus dem Leben gegriffen. Das Foto haut mich um: Der Himmel als Sinnbild der Schöpfung Gottes und davor die Technik als schwarzer Schatten, dem Sinnbild des Teufels.

    Deine Gedanken wissen, was sie wollen, auch wenn du ihnen nicht immer gleich folgen kannst. Vertrau auf deine Seele, dein Unbewusstes, dein Urvertrauen. Das Denken geschieht automatisch wie die Schläge im Kampfsport, wenn man trainiert ist. Musst mal die Bruce-Lee-Story schauen. Dieser unscheinbare und doch sehr starke Kämpfer war auch sehr weise. Kein oberflächlicher Schauspieler oder Poser, sondern der Beste, der je gelebt hat: Fast unbesiegbar ..

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    1. Es hat sich wirklich angefühlt, wie Freunde zu verlieren 😏
      Tatsächlich war ich mir bei diesem Text unsicher, ob er gut ist und bin gespannt auf weitere Meinungen von außen.

      Ursprünglich sollte es eine neue Kurzgeschichte werden aber nach zwei Überarbeitungen war einfach nicht mehr genug Story vorhanden.
      Deswegen habe ich mich jetzt für diesen Mittelweg entschieden weil ich den Text nicht aufgeben wollte.

      Manchmal ist weniger denken mehr.

      Liebe Grüße

      Laura

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  2. 🙂 So schön hast Du es beschrieben … ich dachte spontan beim Lesen: „Du warst unverhofft dann doch nicht allein, halt bloß ohne andere Menschen, aber dafür in Gesellschaft dieser munteren Nachfahren der Saurier.“ 🙂

    Ich mag die kurze Geschichte, danke dass Du sie aufgeschrieben hast!

    Lieben Gruß
    Karl-Heinz

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  3. Guten Morgen Laura, was mich für einen Moment irritiert hat war bis zur Auflösung am Ende Deines Textes der Begriff „letzter Zug“. Der Unterschied zwischen letzter und letzter im Sinne „es kommt heute keiner mehr und“ der letzte vorhin, der nächste kommt gleich“ war für mich zu Beginn die erste Variante. lg Olaf

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      1. Diese Zweideutigkeit an sich ist prinzipiell nicht falsch, es zeigt nur anschaulich, wie unterschiedlich man es verstehen kann. Auch spannend, weil ein Teil Deiner Leser es so und andere anders verstehen können. Für Deine schöne Geschichte spielt es keine Rolle, das sehe ich auch so. Es zeigt, wie die Sprache mit nur einem Wort unterschiedlich wirken kann. 😊
        Liebe Grüße
        Olaf

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      2. Das stimmt. Ich liebe Texte mit mehreren Interpretationsmöglichkeiten aber die Logik darf darunter nicht leiden. Dann nehme ich lieber einen „Effekt“ weniger wenn dafür ein Teil der Leser ein besseres Gefühl hat.

        Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du dir zu meinem kleinen Text so viele Gedanken gemacht hast.

        Liebe Grüße

        Laura

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      3. Gerne, manchmal passt es gerade, zeitlich und man liest etwas gerne, weil die ersten Worte einen ansprechen oder berühren oder wie auch immer man es nennen möchte. Und für einen Kommentar, auch wie in den meisten sozialen Netzwerken, muss einfach der Moment stimmen. Neben den Dingen, die gerade im richtigen Leben stattfinden… 😊 lg Olaf

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